Deutscher Gewerkschaftsbund

18.07.2018

Kreisverwaltung Soest

Wenn jemand pflegebedürftig wird, ist der längerfristige Zeitaufwand nicht absehbar. Damit Beschäftigte ihren Angehörigen im erforderlichen Maß beistehen können, ohne dass deshalb die Arbeit im Büro liegen bleibt, suchte die Kreisverwaltung Soest eine Lösung, die der Vielfalt der Situationen gerecht wird.

Alte mit Pflegerin

DGB/Simone M. Neumann

Individuelle und manchmal auch spontane Lösungen sind nötig, damit Beschäftigte zuverlässig und möglichst stressfrei ihren privaten Pflegeaufgaben gerecht werden können. Diese Grundüberlegung liegt einer Dienstvereinbarung der Kreisverwaltung Soest zugrunde. Von den 1100 dort beschäftigten Menschen hatten 26 Prozent in einer Umfrage angegeben, bereits pflegend tätig zu sein; viele weitere erwarten, dass solche Aufgaben in absehbarer Zeit auf sie zukommen.

Eine gemischte Arbeitsgruppe, bestehend aus Personalrat, Personaldienst, Sozialplanung, Schwerbehindertenvertretung, der Gleichstellungsbeauftragten und mehreren Betroffenen, entwickelte ein dreistufiges Verfahren. Dessen Ziel ist es, dass Beschäftigte auf sich verändernde Pflegebedarfe unkompliziert reagieren können, ohne dass der Betrieb leidet:


Stufe 1
Kleinere Regelungen oder Sofortmaßnahmen wie z. B. kurzfristiger Urlaub oder
die Befreiung von der Arbeit vereinbaren Beschäftigte mit ihren direkten Führungskräften.
Die informieren in bestimmten Fällen den Personaldienst, wenn es z. B. darum geht, die
Kernarbeitszeit für ein Woche auszusetzen. Auf diese Weise ist gewährleistet, dass
Versicherungsschutz besteht, wenn der oder die Beschäftigte auf dem Dienstweg einen
Unfall erleidet.

Stufe 2
Regelungen oder Maßnahmen, die über einen längeren Zeitraum laufen,
beantragen die Beschäftigten beim Personaldienst. Dabei kann es sich beispielsweise um
alternierende Telearbeit, die Befreiung von Wochenendarbeit oder Rufbereitschaft
handeln. Der Personaldienst entscheidet möglichst rasch über den Antrag und informiert
die Vorgesetzten.

Stufe 3
Kommt es auf diesem Wege zu keiner Lösung, wird die „Betriebliche Kommission
Pflege“ eingeschaltet, die beraten und schlichten soll. Zusammengesetzt ist sie aus
Personaldienst, der zuständigen Sachgebiets- oder Abteilungsleitung, dem Personalrat,
der Gleichstellungsbeauftragten und der Schwerbehindertenvertretung. Bei Azubis sind
Ausbildungsleitung und Auszubildendenvertretung mit dabei. Die Kommission soll eine
einvernehmliche Lösung erarbeiten, die sowohl der Pflegesituation als auch den
dienstlichen Belangen gerecht wird. Die Betroffenen haben die Möglichkeit, ihre Lage zu
erläutern und Maßnahmen vorzuschlagen.

 

Frau vor Tafel mit skizzierten Wissenssymbolen

DGB/Denis Ismagilov/123rf.com

Was im spezifischen Fall passt, kann sehr unterschiedlich sein. Deshalb enthält die Dienstvereinbarung lediglich einen Ideenkatalog. Im Bereich Arbeitszeit sind folgende Maßnahmen verzeichnet: flexible Nutzung des Arbeitszeitkontos oder von Gleitzeit, früherer Arbeitsbeginn, Befreiung von der Rufbereitschaft und von Überstunden, kurzfristige Freistellung und Urlaubsgewährung sowie Verzicht auf kurzfristige Änderungen im Schichtdienstplan. Beim Arbeitsort sind die bevorzugte Bewilligung von Telearbeit und mobiles Arbeiten vorgeschlagen. Darüber hinaus kann es den Betroffenen helfen, wenn der Arbeitgeber die Versicherungskosten nach dem Familienpflegezeitgesetz übernimmt, er weitere Ausnahmen von geltenden Dienstanweisungen oder -vereinbarungen zulässt, den Wechsel auf eine gleichwertige Stelle in der mittelfristigen Personalplanung berücksichtigt oder einen Vorschuss gewährt.

Die Dienstvereinbarung ist in der Kreisverwaltung Soest gut verankert, weil sie nach ihrer Erstellung mit sämtlichen Führungsverantwortlichen diskutiert und auf ihre Praktikabilität hin getestet wurde. Die konnten in Workshops wertvolle Hinweise für Verbesserungen geben, was die Akzeptanz bei der für die Umsetzung zentralen Gruppe steigerte. Damit die Beschäftigten die neuen Möglichkeiten kennen und leben, war die Dienstvereinbarung Thema auf einer Personalversammlung. Betroffene hatten die Möglichkeit, an einem Einführungsworkshop teilzunehmen. Dort erörterten sie zusammen mit der neu gegründeten Pflegeberatungsgruppe und einem Experten vom DGB ihre Situation. Inwieweit die Ziele der Dienstvereinbarung erreicht werden, sollen Evaluationen  herausfinden.


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