Deutscher Gewerkschaftsbund

Pflege aus dem toten Winkel holen – immer mehr Beschäftigte pflegen Angehörige

Die Bevölkerung wird älter, die Zahl der Menschen mit Pflegebedarf wächst – und zwar rasant. Über 4,3 Millionen Menschen in Deutschland beziehen heute bereits Leistungen aus der Pflegeversicherung. Das sind etwa doppelt so viele wie zehn Jahre zuvor. Forscher*innen erwarten, dass es 2035 mehr Pflegebedürftige geben wird als Vorschulkinder: Dann haben die meisten Babyboomer ihren 70sten Geburtstag hinter sich.

Wer die Pflege übernimmt

Etwa jede sechste pflegebedürftige Person ist heute in einem Heim untergebracht, die meisten leben jedoch in Privathaushalten. Nach wie vor übernehmen weibliche Angehörige den Großteil der Arbeit. Dabei sind körperliche Pflege und seelische Unterstützung nur ein Teil der Aufgaben. Besonders zeitraubend sind Organisationtätigkeiten: Absprachen mit Sozialversicherungen und professionellen Pflegediensten, Fahrdienste und Begleitung zu Terminen sowie die Koordination des Unterstützungsnetzwerks, an dem oft mehrere Familienmitglieder, Nachbar*innen und Freund*innen beteiligt sind. Hinzu kommen Besorgungen und Haushaltsführung. das Sauberhalten von Wohnung und Wäsche.

Pflege als privates Thema?

Während junge Eltern in der Kantine oder beim Schwatz auf dem Flur unbefangen über den ersten Zahn ihres Sprösslings reden oder die Mühen des kleinen Einmaleins, finden Gespräche über pflegebedürftige Angehörige in Betrieben kaum statt. Niemand erzählt gerne, dass die eigene Mutter verwirrt aufgegriffen wurde. Und dass ein nahestehender Erwachsener sich nicht mehr allein waschen kann, ist ein Kummer, der höchstens mit guten Freund*innen geteilt wird.

Ein Thema für Betriebe – eigentlich

Auch deshalb sind diese Beanspruchungen in vielen Betrieben noch immer kein Thema. „Das Feld ist für viele Unternehmen neu und die meisten wissen auch gar nicht, wer und wie viele Beschäftigte ihres Unternehmens Angehörige pflegen“, beschreibt Gabriele Schmitz vom Berliner Beirat für Familienfragen die Situation.

Dabei ist die psychische Belastung für pflegende Angehörige häufig höher als für junge Eltern. Hinzu kommt, dass die Situation oft unerwartet über die Beteiligten hereinbricht und auch der Verlauf weniger planbar ist als die Betreuung von Kindern.

Durchschnittlich mehr als acht Jahre dauert die Begleitung eines pflegebedürftigen Angehörigen, manchmal sogar deutlich länger – und am Ende steht in der Regel der Tod.

Nicht nur ältere Menschen brauchen Unterstützung

Besondere Herausforderungen stellen sich bei der Betreuung pflegebedürftiger Kinder. Hier fallen Pflege- und Betreuungszeiten an, die oft dann noch andauern, wenn Kinder gleichen Alters bereits ausgezogen sind und ein eigenes Leben führen. Vielen Müttern pflegebedürftiger Kinder ist deswegen dauerhaft eine eigenständige Berufstätigkeit nicht oder nur sehr eingeschränkt möglich.                 

Ein kleiner Shift in der betrieblichen Wahrnehmung

„Immerhin schwindet seit einigen Jahren das mit dem Thema verbundene Tabu“, beobachtet der Soziologe Stefan Reuyß. Er hat mehrere Studien verfasst und begleitet auch Betriebs- und Personalräte. Pflegesensible Arbeitszeiten würden von Interessenvertretungen zunehmend als wichtig erkannt, so Reuyß.

Verschiedene Phasen brauchen verschiedene Maßnahmen

Häufig beginnt alles mit einer Akutphase: Der Vater hat einen Schlaganfall, die Mutter stürzt, der Partner hat einen Unfall. In dieser Situation haben Angehörige das Recht auf bis zu zehn Tage Freistellung, um eine bedarfsgerechte Pflege zu organisieren. In der Anfangszeit sind die Belastungen auch ansonsten sehr hoch: Die Wohnung muss für die neue Situation hergerichtet, der Umgang mit Hilfsmitteln erlernt werden.

Ist der private Alltag eingespielt, möchten viele Beschäftigte möglichst weiterarbeiten. „Sie wollen unbedingt im Beruf bleiben, weil sie bei der Arbeit ein Stück Normalität erleben und ansonsten so viel aufgeben müssen“, berichtet Reuyß. Nicht wenige erleben die Erwerbsarbeit sogar als „Erholung“ – eine Pause vom Anspruch, mehr oder weniger immer verfügbar zu sein. Oft dauert diese mittlere Phase der Pflege mehrere Jahre. Was Beschäftigten in dieser Situation hilft, ist unterschiedlich. Manche wünschen sich eine Arbeitszeitverkürzung, andere brauchen häufiger kurzfristig frei oder einen Sonderurlaub.

In der Phase der Sterbebegleitung wünschen sich die meisten eine längere Auszeit – und auch danach sind sie häufig eine Weile noch sehr erschöpft.

Ein Thema für alle – und es drängt

Angesichts der demografischen Entwicklung werden Pflegezeiten häufiger zu einer oder mehreren Phasen während der Erwerbstätigkeit werden. Weil es für entsprechende Arbeitszeitverkürzungen jedoch bisher keine Lohnersatzleistungen gibt, arbeiten viele Menschen erst einmal weiter wie zuvor, bis sie irgendwann völlig erschöpft sind.

Um dem – auch im Interesse der Unternehmen – entgegenzuwirken, muss präventiv vorgesorgt werden, sagt Petra Kather-Skibbe vom Berliner Projekt KOBRA. Sie berät sowohl Angehörige von Pflegebedürftigen als auch Unternehmen und Betriebsräte zu rechtlichen Fragen und sucht mit ihnen nach konkreten Lösungen – ein in dieser Form einmaliges Angebot. „Die Situationen sind sehr individuell. Entsprechend muss genau analysiert werden, was wirklich hilft“, fasst sie zusammen.

Angebote für Angehörige

Von zentraler Bedeutung sei außerdem das Gefühl für die Betroffenen, nicht völlig allein vor den Problemen zu stehen. Durch Flyer, Plakate, Veranstaltungen oder Seminartage kann ein Unternehmen signalisieren, dass es sich beim Thema „Pflege von Angehörigen“ in einer gesellschaftlichen Verantwortung sieht. Sehr hilfreich sei es auch, wenn der Betriebsrat oder eine andere engagierte Person über gebündelte Informationen verfügt und im Unternehmen als Ansprechpartner*in für die Beschäftigten da ist, so Kather-Skibbe.

Beispiel aus der Praxis: Pharma-Firma

Manche Unternehmen haben sich bereits auf die Herausforderung eingestellt – zum Beispiel die Pharma-Firma Boehringer-Ingelheim. „Schon vor einigen Jahren bekamen wir immer mehr Anträge auf Arbeitszeitreduzierung wegen pflegebedürftiger Angehöriger auf den Tisch – vor allem von Frauen“, berichtet der langjährige Betriebsratsvorsitzende Didier Krause. Zugleich ist Frauenförderung ein erklärtes Ziel des Familienunternehmens. Der Betriebsrat befragte Betroffene und sammelte Bausteine für eine Betriebsvereinbarung. „Wir mussten nicht viel Druck machen, um einen ganzen Strauß von Regelungen durchzusetzen“, erzählt Krause.

Heute haben Kolleg*innen mit pflegebedürftigen Angehörigen das Recht auf maßgeschneiderte und situationsgerechte Lösungen.

Für Vorgesetzte gibt es einen Leitfaden für entsprechende Gespräche, die regelmäßig stattfinden sollen, um bei Veränderung des Pflegebedarfs nachsteuern zu können. Schon vor Corona war Homeoffice eine Option.

Außerdem bietet der Betrieb vielfältige Arten der Arbeitszeitreduzierung und Freistellung. Bis zu zwei Jahre können Beschäftigte mit pflegebedürftigen Angehörigen auf 15 Stunden pro Woche runtergehen – und später wieder aufstocken, um die Einkommens- und Renteneinbußen möglichst gering zu halten. Wer die Wohnung umbauen oder einen Fahrstuhl installieren muss, kann dafür ein Darlehen und zum Teil sogar Zuschüsse durch eine Firmen-Stiftung bekommen. Auch an den Kosten für externe Beratung beteiligt sich der Betrieb.

Vertrauen im Betrieb: SLM Labor

Ob groß oder klein – entscheidend sei eine Vertrauenskultur im Unternehmen, ist Felix Fiedler überzeugt. Er ist Geschäftsführer der SLM – Speziallabor für angewandte Mikrobiologie GmbH in Berlin-Adlershof. Das Acht-Personen-Unternehmen hat schon mehrere Auszeichnungen für Familienfreundlichkeit gewonnen.

Alle Beschäftigten haben dort das Recht auf zehn Pflegetage pro Jahr, egal ob zur Eingewöhnung eines Kindes in der Kita oder für einen pflegebedürftigen Angehörigen. „Wir sehen Familie umfassend – und da gehören Kinder, Partner, Eltern und Großeltern dazu,“ so Fiedler. Auch sonst versuchen der 35-Jährige und seine ebenfalls geschäftsführende Mutter mit den Angestellten Lösungen zu finden, damit sie auch den privaten Anforderungen neben dem Beruf gerecht werden können.

„Menschen sind schließlich Menschen und keine Maschinen. Und wenn sie stark belastet sind, brauchen sie Entlastung – sonst leidet auch die Arbeit“, so Fiedler.