Deutscher Gewerkschaftsbund

Nachtschichten und Familie – wie kann das besser gehen?

Knapp ein Drittel der Beschäftigten in der Polizeidirektion Osnabrück arbeitet im Schichtdienst. Wer den Notruf wählt, erwartet zu Recht, dass sich rasch jemand am anderen Ende meldet. Und wenn nachts um drei ein Dieb auftaucht, soll bitte schnell Hilfe kommen.

„Sobald die Kollegen Eltern werden, wollen viele aus dem Schichtdienst fliehen“, berichtet Personalerin Birgit Baarts, die für Vereinbarkeit von Beruf und Familie zuständig ist. Auch Ältere möchten oft irgendwann nur noch tagsüber arbeiten, weil sie wechselnde Einsatzzeiten gesundheitlich nicht mehr verkraften. Zwar hat die Polizeidirektion Osnabrück noch keine Nachwuchsprobleme – erfreulicherweise sind inzwischen auch viele Frauen an Bord. Ab Mitte 20 aber erwacht bei vielen der Wunsch, eine Familie zu gründen. „Auch die Männer wollen heute für ihre Kinder da sein und nicht unbedingt 40 Stunden arbeiten. Das ist ja im Prinzip toll“, findet Baarts. Doch klar ist auch, dass der Schichtdienst insbesondere für Menschen mit Familienpflichten attraktiver werden muss, sollen Bürger/innen nicht irgendwann vergeblich bei 110 anrufen.

Durch Zufall erfuhr Birgit Baarts vom Beratungsangebot des DGB und holte gleich den Personalrat mit ins Boot. Gemeinsam starteten sie eine Prozessbegleitung. Ziel war es, die Vereinbarkeit von Privatleben und Beruf für alle zu verbessern. „Wir haben diskutiert, Eltern zu bevorzugen, aber das stigmatisiert sie“, begründet Baarts die Entscheidung, Regelungen für alle zu treffen.

Das Thema drängt, fast alle beteiligten sich an der Befragung. In zwei Workshops sammelten Beschäftigte und Führungskräfte Ideen, Berater Stefan Reuyß steuerte den Prozess. „Er hat immer wieder dafür gesorgt, dass wir beim Thema geblieben sind“, berichtet Baarts. Deutlich wurde, dass für Eltern insbesondere die Stunden zwischen 6 und 8 Uhr morgens organisatorisch schwierig sind. Orientiert an der notwendigen Mindestbesetzung entwickelte die Arbeitsgruppe ein Modell mit „Überlappungsschichten“, die zeitversetzt zu den üblichen Arbeitsstunden liegen und erst um 8 Uhr beginnen. Wer daran interessiert ist, kann sich dafür in einen digitalen Schichtplan eintragen.

Nicht wenige in der Steuerungsgruppe waren skeptisch, immer wieder musste Reuyß die „Ja-aber-Fraktion“ in Schach halten. Die Leiterin der Einsatzleitstelle war offen und schlug ihre Abteilung für ein Pilotprojekt vor. Zwei Modelle mit kürzeren und längeren Schichten wurden angeboten – und rasch war die attraktivere Variante ermittelt. So hat sich das neue System in der Abteilung zur allgemeinen Zufriedenheit durchgesetzt. „Allerdings ist es nur ein Tropfen auf dem heißen Stein“, bedauert Baarts und verweist auf die zu dünne Personaldecke. Reuyß hingegen betont: „Unter den gegebenen Rahmenbedingungen ist die dauerhafte Etablierung des Modells ein Erfolg.“ Schließlich sei der Bereich traditionell männerdominiert mit entsprechenden Berufsvorstellungen. „Viele ältere Polizisten mit überkommenen Geschlechterbildern stehen kurz vor der Pensionsgrenze“ schmunzelt er. Da ließe sich ja nochmal nachlegen.


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