Deutscher Gewerkschaftsbund

Wer Fachkräfte gewinnen will, muss was bieten

Den drohenden Fachkräftemangel am Chemiestandort Leuna erkannten Betriebsräte, Unternehmensleitungen und IG BCE schon früh. Familienfreundlichkeit sei entscheidend, ob der Laden auch künftig gut läuft, hatte der damalige Betriebsrat Joachim Nowak von InfraLeuna immer wieder betont. Er schlug eine gewerkschaftliche Begleitung vor - und wenig später besuchte Prozessberaterin Brigitte Dinkelaker den Arbeitskreis, zu dem sich Betriebsräte aus etwa 100 Firmen zusammengeschlossen haben.


Sofort stand die Idee einer standortweiten Kita im Raum. Doch die Prozessbegleiterin plädierte dafür, erst einmal den genauen Bedarf der rund 10.000 Beschäftigten herauszufinden. Sie entwickelte einen Fragebogen, um Belastungen und Wünsche zu
ermitteln. Auch Ideen und Vorschläge waren willkommen. Dinkelaker wertete die Ergebnisse aus und präsentierte sie auf der sozialpartnerschaftlichen Fachtagung „Vereinbarkeit von Beruf und Familie als Wettbewerbsfaktoren in der Entwicklung des Chemiestandortes Leuna“.


Im Steuerungskreis mit Betriebsräten, Geschäftsführungen und Personalverantwortlichen wurde nun überlegt: wie weiter. Für viele erstaunlich: Den Bedarf für eine neue Kita gab es nicht. Ein Großteil der Beschäftigten wohnt in umliegenden Orten und möchte die Kinder dort betreuen lassen. Dagegen wünschten sich viele Entlastung von zeitraubenden Behördengängen oder bei
der Suche nach einem Kindergarten- oder Hortplatz. So kam die Idee auf, eine Servicestelle am Standort einzurichten - rund um Themen der Vereinbarkeit von Privatleben und Beruf. „Um dem drohenden Fachkräftemangel etwas entgegenzusetzen, fanden das alle einen überzeugenden Ansatz“, fasst Brigitte Dinkelaker zusammen.


Zunächst überlegten die Beteiligten, für die standortübergreifende Aufgabe einen externen Dienstleister zu beauftragen. Doch warum sollte das nicht InfraLeuna als Betreiber der Infrastruktureinrichtungen am Chemiestandort übernehmen? Weitere Synergien schienen möglich. Und sogar eine geeignete Person stand schon bereit: Elke Raue, die damals gerade ein Praktikum bei der InfraLeuna GmbH absolvierte. „Brigitte Dinkelaker hat viel Material mitgebracht, Studien, Flyer, Argumentationshilfen“, erinnert sie sich an die Startphase. Das alles war 2006.


Mit den vielfältigen Anfragen ist das Servicebüro bis heute gewachsen und hat sein Themenspektrum ausgeweitet - und damit auch sein Netzwerk. Sucht eine neue Mitarbeiterin eine Wohnung, kann Elke Raue ebenso helfen wie bei der Recherche zu Suchtberatung oder Erziehungshilfen. Sie hat eine Datenbank von Angeboten aufgebaut, und viele Einrichtungen schicken inzwischen Informationen von sich aus. So weiß Elke Raue sofort, wer zuständig ist oder helfen könnte - und wenn sie es nicht weiß, findet sie es heraus. Auch kann die Diplomsoziologin Auskunft geben, welche Bescheinigungen jemand braucht, der einen Pflegeheimplatz für seine Eltern benötigt. Bei Bedarf recherchiert sie auch, welche Einrichtungen in der entsprechenden Gegend infrage kommen könnten. „Die Mitarbeitenden sollen entlastet werden, damit sie sich auf ihre Arbeit konzentrieren können“, fasst sie ihre Aufgabe zusammen. Der Service ist nicht nur kostenlos, sondern auch diskret: Niemand am Standort erfährt, was Elke Raue mit den Fragesteller/innen bespricht.


So kann es gehen – vielleicht auch anderswo?


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